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Doris von Drathen:
Glaube, Hoffnung, Liebe
Caspar David Friedrich
Aus einem Artikel zur Ausstellung Landschaft(en) in der Galerie Moritzburg Halle

 

Bild vergrößern(Wir sehen ein Bild von) ...Caspar David Friedrich, der im Kielwasser von Schleiermacher und dessen flammenden Schriften, wie etwa „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“, versuchte, in der Malerei eine Ausdruckswelt zu schaffen für eine persönliche Erfahrung von Frömmigkeit außerhalb des christlichen Dogmas. Genau diese Haltung verkörpern die beiden Frauengestalten in Friedrichs „Die Schwestern auf dem Söller am Hafen“ (um 1820), jenem Gemälde, dessen markantes Element die Marktkirche von Halle ist. Wer lange auf Friedrichs Stadtansicht schaut, sich also imaginär zu den beiden Schwestern stellt, wird nach einer Weile erleben, welchen Sog dieses Bild ausübt. Sonderbarerweise ähneln die beiden Schwestern in ihrer aufstrebenden Statur den beiden Türmen der Marktkirche, die ihrerseits einen Wald von Masten zu bündeln scheinen. Halle liegt weit entfernt vom Meer; was Friedrich hier zu einem Bild vereint, ist der Hafen von Greifswald mit den Türmen von Halle und denen des Stralsunder Rathauses. Er konstruiert also eine Art ideale Stadt, möglicherweise das erste Bild einer symbolhaften Trilogie, die sich als „Glaube, Hoffnung, Liebe“ deuten läßt und zu der „Mondaufgang über dem Meer“ (1822) und das Liebespaar „Auf dem Segler“ (1819) gehören.

 


 

Antonina Isergina:
Unbekannte Bilder von
Caspar David Friedrich
Aus einem Artikel in der Zeitschrift Bildende Kunst, Heft 5, 1956, S. 263 ff

 

Bei unserem Rundgang durch die Sammlung der Ermitage betrachten wir zunächst das kleine Bild «Der nächtliche Hafen». Es ist Nacht. Hoch droben am Firmament leuchtet ein einzelner Stern; sein blasses, kaltes, flimmerndes Licht fällt auf die zierlichen Spitzen eines gotischen Domes und auf einen Wald von Schiffsmasten, deren schwarze Konturen sich deutlich gegen die nächtliche Finsternis abheben. Der senkrechte «gotische Rhythmus» mit den emporstrebenden Türmen und schlanken Schiffsmasten wird im Vordergrund des Bildes durch zwei weibliche Gestalten, die an eine Brüstung gelehnt stehen und in die Tiefe des Bildes schauen, noch unterstrichen.

Bild vergrößern Charakteristisch für Friedrich sind die grafische Genauigkeit der Zeichnung sowie das emotionale Farbempfinden. In dieser nächtlichen Landschaft fehlen alle schwarzen Töne; sie werden durch dunkle, aber reine violette Farben ersetzt, die besonders durch das Grün der Kleidung der beiden Frauengestalten noch hervorgehoben werden. Gerade durch diese etwas düsteren Töne wird die beseelte Atmosphäre dieser Szene erreicht. Es ist das gleiche Bild, das im «Sächsischen Kunstblatt 1820», Nr. 95, unter dem Titel «Die Schwestern auf dem Söller» beschrieben wird. «Man sieht zwei hohe weibliche Gestalten an einem Geländer in eine helle, aber neblige Nacht blicken. Aus dem Nebel ragen matt die Türme einer altdeutschen Kirche und einige Mastbäume hervor, ein heller Stern schimmert von oben herab. So sonderbar die Idee ist, so ist das Bild doch nicht ohne Wirkung und gut gemalt.»

Der enge Hafen mit dem dichten Mastenwald der Schiffe erweckt untrüglich die Erinnerung an die Heimatstadt des Künstlers, an Greifswald. Ein lebendiges Gefühl der Wirklichkeitsnähe, das weit entfernt von jeder Stilisierung ist, spricht wohl am deutlichsten aus der feinen und wahrheitsgetreu übermittelten Empfindung von der nächtlichen Finsternis. Man vermeint, die Kühle der nächtlichen Atmosphäre, die alle Gegenstände umwebt, deutlich zu spüren. Wir sehen hier die für Friedrich äußerst charakteristische dichterische Umwertung der lebendigen realen Eindrücke, die er seiner Kunst stets zugrunde legte.

 

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© Das Foto des beschriebenen Bildes stammt aus einem Werbefaltblatt des Verlages der Kunst für die Fundus-Reihe.

Das Farbfoto finden Sie bei Doris von Drathens vollständigem Artikel auf www.landschaften-2003.de

Die Autorin, Antonina Nikola’evna Izergina (1906-1969), war Mitarbeiterin der Staatlichen Ermitage Leningrad.