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Peter H. Feist:
Der Hallmarkt als Hafen
Zu einem Gemälde von Caspar David Friedrich
Aus: Künstler, Kunstwerk und Gesellschaft. Studien zur Kunstgeschichte..., Dresden 1978 (Fundus)

 

Prof. Dr. Peter H. Feist Vor kurzem ist auch außerhalb der Sowjetunion eine Reihe von Gemälden Caspar David Friedrichs bekannt geworden, die unter den reichen Bilderschätzen der Leningrader Ermitage bewahrt werden. Man wußte längst, daß eine Anzahl Bilder des Dresdner Romantikers schon zu seinen Lebzeiten nach Rußland verkauft worden waren. Der Dichter Wassilij Andrejewitsch Shukowski (1783-1852) hatte 1821 den Maler in Dresden aufgesucht und von da bis zu dessen Tode verschiedene Verkäufe an russische Sammler vermittelt, die Friedrich in seiner materiellen Notlage sehr willkommen waren.[ 1 ] Aber die Bilder waren auf diese Weise der deutschen Friedrich-Forschung so gut wie entzogen, woran auch ihre überführung in die Ermitage zunächst nicht viel änderte. Jetzt hat Antonina Isergina diese sechs Bilder im Heft 5/1956 der «Bildenden Kunst» besprochen, und fünf davon in Abbildungen dem deutschen Leser vorgelegt.[ 2 ]

Bild vergrößernUnter den Bildern ist eines, das sich bis 1945 in Schloß Peterhof (Petrodvorec) befand und seither in der Ermitage ausgestellt ist. Es wird Nächtlicher Hafen genannt und von A. Isergina als dasjenige Gemälde bestimmt, das in Schorns Kunstblatt 1820, Nr. 95, unter dem Titel Die Schwestern auf dem Söller aufgeführt und beschrieben wurde.[ 3 ] Es zeigt zwei in ähnlich geschnittene, langfließende grüne Gewänder gekleidete schlanke Frauen auf einer Terrasse, die mit einer gotischen Steinbalustrade gegen einen Hafen abgeschlossen ist. Die Masten von einigen größeren Segelschiffen und einigen Fischerbooten ragen in den violetten Nachthimmel, aus dem ein heller Stern herniederglänzt. Unmittelbar hinter dem Hafen ragt rechts eine niedrige, turmlose Kirche auf; von ihr soll fernerhin nicht mehr die Rede sein. Links wächst ein großer gotischer Dom mit zwei Turmpaaren steil empor. In der Achse dieses Domes steht hinter dem von uns abgekehrten Turmpaar ein kräftiger und doch schlanker Turm, dessen spitzer Helm von vier kleinen Eckhelmen umgeben ist. Antonina Isergina schreibt dazu, der enge Hafen mit dem dichten Mastenwald der Schiffe erwecke untrüglich die Erinnerung an die Heimatstadt des Künstlers, an Greifswald. Das stimmt zweifellos, was die Schiffe anbetrifft. Die Architektur im Hintergrund hat jedoch keine Ähnlichkeit mit den etwas gedrungenen Backsteinkirchen Greifswalds. Diese Kombination einer viertürmigen gotischen Kirche mit einem in der Achse der Kirche stehenden Einzelturm solchen Aussehens kann vielmehr gar nichts anderes wiedergeben als die «Fünf Türme» Halles - die Marienkirche und den Roten Turm.[ 4 ]

 5 Türme von Westen, 
 Foto: N.Wiesner/Image Fabrik Der genaue Beobachter wird freilich einige Einwände erheben: Den Osttürmen fehlen Nickel Hofmanns Renaissancehauben von 1551; ihr und des ganzen Baues äußeres ist viel reicher mit gotischen Einzelformen aufgelockert, als es an der halleschen Marktkirche der Fall ist. Das gilt auch für die Westtürme, deren oberste Geschosse auf dem Bild schlanker und nicht durch einen Kranz von behäbigen Zwerchgiebeln von den schlank aufschießenden Helmen getrennt sind wie in der Wirklichkeit. Schließlich gehört zu Caspar David Friedrichs Viertürmedom ein dem Hafen zugekehrter reicher gotischer Chor, der vor den entsprechenden Türmen der halleschen Marktkirche, es wären die westlichen, fehlt.
Trotzdem darf man auf Friedrichs Bild die einzigartige Baugruppe der halleschen Fünf Türme wiedererkennen. Dem Maler lag ja nichts daran, eine topographisch einwandfreie Ansicht Halles zu geben - was schon daraus ersichtlich wird, daß an der Stelle, wo in Wirklichkeit heute der Hallmarkt liegt, sich auf dem Gemälde das Hafenbecken ausdehnt, auf das im Vordergrund noch einmal ein Stück festes Land folgt, welches die anzunehmende vornehme Villa mit der großen Terrasse trägt, an deren Balustrade die beiden Schwestern stehen.


 Caspar David Friedrich 
 © weltbild Diese sind der Schlüssel zu dem Bild: Ihren Blicken folgend, gleichsam indem wir uns mit ihnen identifizieren, sollen auch wir nach dem Willen des Malers ergriffen und demütig jene feierliche Abendwelt betrachten, die er in der Tiefe seines Bildes aufgebaut hat - eine Architekturphantasie. In ihr verschmelzen die Symbole der geborgen im Hafen liegenden Schiffe mit dem Symbol der wachend über dem Ganzen aufragenden gotischen Kirche, die für den romantischen Maler der Inbegriff des Mittelalters war. Ins Bild blickende Figuren, gotische Dome, Segelschiffe und Abend sind im Werke Friedrichs immer wiederkehrende, für seine Weltanschauung tief bedeutsame Motive. Die umfassende Interpretation des Leningrader Bildes müßte es folglich in den Gesamtzusammenhang von Friedrichs Lebenswerk stellen und aus einer Gesamtsicht deuten, was hier nicht getan werden kann. Nur die Erkenntnis der Tatsache, daß es sich um eine menschliche Verhaltensweisen und Weltbezüge symbolisierende, romantische Phantasiewelt handelt, die im Bild vergegenwärtigt wird, und nicht um den Versuch, einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt wiederzugeben, war notwendig, um eine Erklärung für die Veränderungen zu finden, die der Maler an den Formen der halleschen Marienkirche vornahm. Denn es bleibt ja bestehen, und ist dann doppelt bedeutsam, daß gerade die Gruppe der Fünf Türme in Halle Friedrich einen besonders starken Eindruck von mittelalterlicher Stadt vermittelt haben muß, so daß er sie - wie in anderen Bildern die Ruine Eldena oder die Stadt Neubrandenburg - zum Exemplum und Symbol erhob.[ 5 ]

 2 der 5 Türme von Westen, 
 Foto: N.Wiesner/Image Fabrik Er strich die das gotische Gesamtbild für sein Empfinden störenden Renaissancehauben weg und gab an ihrer Stelle den an gotischen Domen so vertrauten Anblick unvollendet gebliebener Turmstümpfe wieder. Er überformte auch sonst den teils romanischen, teils spätgotischen halleschen Bau nach dem Ideal hochgotischer Aufgliederung und glich die Architektur auf diese Weise dem schlanken, dünnstäbigen Mastenwald der Schiffe an.[ 6 ] Vergleichbare Bilder von abendlichen Häfen hat Caspar David Friedrich vor allem zwischen 1811 und 1817 gemalt.[ 7 ] Im Jahre 1811 machte er von Dresden aus eine Wanderung durch den Harz und besuchte Goethe in Jena. Sollte er nicht bei dieser Gelegenheit auch durch Halle gekommen sein? (Im gleichen Jahre 1811 weilte übrigens auch der neunjährige Wilhelm von Kügelgen [1802-1867], in dessen Dresdner Elternhaus Friedrich verkehrte, unter der Obhut seines Hauslehrers, des späteren Malers Adolf Senff [1785-1863], in Halle und ließ sich vom «Lorchen» den «Schellenmoritz» erklären, wie er in seinen «Jugenderinnerungen eines alten Mannes» so anschaulich erzählt.[ 8 ]) Selbst wenn wir wissen, daß das Bild des nächtlichen Hafens mit den beiden Schwestern 1820 in Dresden ausgestellt wurde, wäre damit noch nicht gesagt, daß es nicht mehrere Jahre früher entstanden sein kann. Freilich mag Friedrich auch eine Skizze, die er 1811, auf dem Gelände des späteren Hallmarkts stehend, gemacht hatte, erst lange später verwendet haben, sie dann mit Eindrücken vom Greifswalder Hafen kombinierend.[ 9 ] So ist im frühen 19. Jahrhundert die Hansestadt Halle einmal in ihrer Geschichte auch ein Seehafen gewesen - freilich nur in einer nächtlichen Architekturphantasie des bedeutendsten Malers der deutschen Romantik.

 


Anmerkungen

Zuerst veröffentlicht in: Hallesches Monatsheft für Heimat und Kultur 3 (1956) 11, S. 449-452. Der an etwas abgelegener Stelle publizierten Identifikation des Motivs hat die Friedrich-Forschung bisher zugestimmt, u. a. Gerhard Eimer: C. D. Friedrich und die Gotik, Hamburg 1963, S. 17; Irma Emmrich: C. D. Friedrich, Weimar 1964, S. 120; Helmut Börsch-Supan/Karl Wilhelm Jähnig: C. D. Friedrich, Gemälde, Druckgrafik und bildmäßige Zeichnungen, München 1973, Nr. 263; Ausstellungskatalog C. D. Friedrich, Hamburger Kunsthalle 474, Nr. 143; Ausstellungskatalog C. D. Friedrich und sein Kreis, Dresden 1974, Nr. 28.

  1. [ 1 ] Herbert v. Einem: Wassilij Andrejewitsch Joukowski und Caspar David Friedrich. In: Das Werk des Künstlers 1 (1939) S. 169-184; Gertrud Heider: Unbekannte Briefe C. D. Friedrichs an W. A. Shukowski zur Transparentmalerei. In: Wissenschaftl. Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellsch.- u. sprachwissenschaftl. R. 12 (1963) 2, S. 373-379 (= Erbe und Gegenwart, Prof. Dr. Johannes Jahn zum 70. Geburtstag zugeeignet); Michael J. Liebmann: Joukovsky als Zeichner. Neues zur Frage «C. D. Friedrich und W. A. Joukovsky». In: Jahrb. d. Hamburger Kunstsammlungen 19 (1974) S. 106-116.
  2. [ 2 ] Antonina Isergina: Unbekannte Bilder von Caspar David Friedrich. In: Bildende Kunst 5/1956, S. 263-266, 275-276. - Antonina Nikola’evna Izergina (1906-1969) war Mitarbeiterin der Staatlichen Ermitage Leningrad.
  3. [ 3 ] Leningrad. Staatl. Ermitage, Inv. Nr. 9 774, Öl auf Leinwand, 74 x 52 cm, Börsch-Supan/Jähnig (B.-S./J.) 1973, Nr. 263. Abdruck der anonymen Besprechung der Kunstausstellung in Dresden 1820 aus: Kunstblatt 1 .(1820) S. 380 (Nr. 547) bei Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 91.
  4. [ 4 ] Die Marktkirche St. Marien wurde 1530-54 durch Caspar Kraft anstelle von zwei Vorgängerbauten errichtet, von denen die beiden Turmpaare übernommen wurden, im Westen die «Blauen Türme» von St. Gertruden (14./15. Jh., mit spitzen Helmen von 1507 bzw. 1513), im Osten die «Hausmanns-Türme» von St. Marien (1220/30, Aufsätze und Hauben 1551 von Nickel Hofmann). Der Rote Turm wurde 1418-1506 als Symbol der Macht der Bürgerschaft freistehend auf dem Marktplatz errichtet. Der Helm, von Hans Wolkenstein entworfen, wurde nach der 1945 erfolgten Zerstörung durch Bomben 1975 rekonstruiert. Der an der Stelle alter Salzsiedestätten im «Tal» gelegene Hallmarkt wurde 1888 angelegt. (Nach Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Der Bezirk Halle, bearb. v. Abt. Forschung des Instituts für Denkmalpflege, Berlin 1976.)
  5. [ 5 ] Vergleiche Nikolaus Zaske: Das Motiv der Stadt bei Caspar David Friedrich. In: Bildende Kunst 8/1974, S. 378-3 82.
  6. [ 6 ] Eine solche Steigerung des gotischen Vertikalismus ist nicht nur in dem Bild Stadt bei Mondaufgang (um 1817, Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, B.-S./J. 227; vgl. Jens Christian Jensen: C. D. Friedrich, Leben und Werk, Köln I974, S. 174) zu beobachten, sondern selbst bei dem als vedutenhaft wirklichkeitstreu (Katalog Dresden 1974, Nr. 33) angesehenen Gemälde Wiesen bei Greifswald (wohl um 1820/22, Hamburg, Kunsthalle, B.-S./J. 285), wie ein Vergleich mit der vordem unveröffentlichten Zeichnung (1809 od. 1815?, Hamburg, Frau Floride Christians) veranschaulicht, der in der Hamburger C.-D.-Friedrich-Ausstellung 1974 möglich war; vgl. Kat. Nr. 158 und 159 mit Abbildungen. Auf dem Gemälde sind die Kirchen höher und schlanker als auf der mehrere Jahre früher entstandenen quadrierten Vorzeichnung nach der Natur.
  7. [ 7 ] B.-S./J. 198: 1811; B.-S./J. 219: 1815 (verschollen); B.-S./J. 220: vor 1816 - die Schiffe besonders ähnlich; B.-S./J. 224: vor 1817, B.-S./J. 227: um 1817; B.-S./J. 256: 1818/1819.
  8. [ 8 ] Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Düsseldorf u. Leipzig o. J. [1907] S. 86 ff. Adolf Senff war der Sohn des Pfarrers der Moritzkirche in Halle. Der «Schellenmoritz» ist die von Konrad von Einbek 1411 geschaffene Steinfigur des prächtig gekleideten hl. Mauritius an einem Langhauspfeiler dieser Kirche.
  9. [ 9 ] Das Gemälde wird zuletzt von Börsch-Supan/Jähnig 1973 und Willi Geismeier: C. D. Friedrich, Leipzig 1973, Taf. 42, von Hans Werner Grohn im Hamburger wie von Hans Joachim Neidhardt im Dresdener Ausstellungskatalog 1974 «um 1820» (richtiger wohl «vor 1820», da in diesem Jahr ausgestellt) datiert. Friedrich hat häufig lang zurückliegende Naturstudien in späteren Gemälden verarbeitet. Ich habe keine Veranlassung, an meinem ursprünglichen Datierungsvorschlag «1811-15» festzuhalten, da Sigrid Hinz eine Zeichnung vom 10. 9. 1815 in Oslo als Studie zu dem Mastenwald identifizierte, doch sprechen die hier in Anm. 7 aufgeführten Parallelen, von denen Börsch-Supan seine Nr. 219 von 1815 die engstverwandte nennt, eher für einen Ansatz zwischen 1815 und 1817 als erst 1819/20. Diese Differenz hat allerdings keine tiefergehende wissenschaftliche Bedeutung.

 

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© Das Foto des beschriebenen Bildes stammt aus einem Werbefaltblatt des Verlages der Kunst für die Fundus-Reihe.

Der Autor: Peter H. Feist

Jahrgang 1928. Nach einem Volontariat Studium der Kunstgeschichte, Geschichte, Archäologie an der Martin-Luther-Universität Halle

1952-1958 Lehrtätigkeit in Halle, Weimar, Leipzig und Berlin

1958 Promotion über Probleme der Stilstruktur von der altorientalischen bis zur römischen Kunst

ab 1958 Tätigkeit an der Humboldt-Universität

1969 Professor für Kunstwissenschaft