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Die Stadt und der Klotz

Nun hat auch Halle seinen Bauskandal. Schon jetzt freilich ist offenkundig, was dabei auf der Strecke bleibt: das "Leitbild" der größten Stadt Sachsen-Anhalts, die als eine der besterhaltenen Großstädte Deutschlands gilt und mit ihrem viel bewunderten Marktplatz ein Kleinod der Städtebaukunst besaß. Man muss sagen: "besaß" - denn der Betonklotz, den ein Kaufhauskonzern jetzt mitten auf den Marktplatz gekippt hat, zertrümmert, was der Krieg gnädig verschont hatte. Das von den Kölner Architekten Kister, Scheithauer, Gross (denen Halle einige ordentlich gestaltete Gebäude im Händelkarree verdankt) errichtete Bauwerk ist eine zusammengeklumpte, unförmige, unproportionierte Baumasse, die das feingliedrige Ensemble kunstvoller Baudenkmale aus allen Jahrhunderten aus dem Gleichgewicht bringt.

Was wollen Sie?
Der Ratshof ist doch noch zu sehen.

Es kommen immer mehr Details einer offenbar unsauberen Erteilung von Bau- und Abriss-Genehmigungen auf den Tisch. Der Investor Frankonia soll im Februar 2002 eine Offerte zum illegalen Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudes erhalten haben, das der Verschandelung des Marktplatzes im Wege stand.

Nicht messbar ist schon jetzt der Schaden für das Ansehen der Stadt. Eine Bürgerinitiative, unterstützt von hervorragenden Wissenschaftlern wie Carl Friedrich von Weizsäcker und Medizinnobelpreisträger Günter Blobel, hatte vergeblich an die Oberbürgermeisterin appelliert, die stadtzerstörerischen Baupläne zu stoppen. An den Folgen wird die Stadt noch Jahrzehnte tragen. &xnbsp;gur.

DIE WELT Auszüge aus einem Artikel vom 9. März 2004.

Wenn Sie die Gestaltung des halleschen Marktplatzes interessiert, sehen Sie sich doch einmal die Seite  www.rathausseite.de  an.


Eine Ausrede der Stadt-Oberen ist das Märchen von den alten Raum-Kanten. Sie haben also den halben Marktplatz einem Kaufhaus-Konzern geopfert, um die alten Raum-Kanten wieder herzustellen. Damit sind die Maße der Gebäude gemeint, die im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts vorherrschten.
Bitte vergleichen Sie selbst:

ca. 1920



heute




Der Klotz und der Rote Turm

Jetzt fehlt der Stadt natürlich ein ziemliches Stück Markt-Fläche. Das bedeutet Einnahme-Verluste. Auch da wissen die Oberen einen Ausweg: Wenn wir das Gleis der Straßenbahn 11 (Strich-Linie →) entfernen, haben wir wieder Markt-Fläche gewonnen. Jetzt fehlt der Tram natürlich die Möglichkeit, nach Süden abzubiegen. Ausweg: Wir verlegen das Gleis hinter den Roten Turm. Dort ist aber nicht genug Platz für eine solche Kurve. Ausweg: Wir reißen die Umbauung vom Roten Turm ab. Endlich haben wir einen Vorwand, um uns von diesem Stück DDR-Architektur zu trennen. mehr dazu...




Die Rückseite

www.Sparkasse-Halle.deInzwischen sind Jahre vergangen seit der Eröffnung unseres Klotzes. Aus diesem Anlass habe ich mir die Umgebung dieses "Bauwerkes" näher angesehen. Nicht nur in der Brüderstraße, sondern auch in der Kleinen Steinstraße selbst finden wir eine Anzahl wertvoller Bau-Denkmale: An der Ecke Rathaus-Straße das von Wilhelm Jost entworfene, 1916 errichtete schöne Gebäude der Stadt-Sparkasse. Jost fügte in dieses Gebäude einen alten Erker als historische Spolie ein. Er stammt von einem barocken Haus am Kleinschmieden aus dem 17. Jahrhundert, das damals abgerissen werden musste. So hat der Stadt-Baurat Jost seinen Respekt vor früheren Bau-Meistern ausgedrückt und gleichzeitig sein Gebäude geschmückt.

Bauen in denkmal-geschützter Umgebung

So war auch Paul Thoemer vorgegangen, als er mit Landes-Bauinspektor Illert das 1910 errichtete Nachbar-Gebäude entwarf. Dieses Bau-Denkmal, das ehemalige Amtsgericht, erhielt in seinen linken Flügel einen hoch-barocken Pracht-Erker eingebaut. Eine Geste des Respekts vor den Leistungen früherer Bau-Meister. Thoemer verdanken wir u. a. unseren Haupt-Bahnhof (1890), die Eisenbahn-Direktion in der Ernst-Kamieth-Straße (1902) und das prächtig rekonstruierte Gerichts-Gebäude am Hansering (1905).

Dem dritten Bau-Denkmal in dieser Runde wünscht man auch eine baldige Reko: Der 3-stöckige Fachwerk-Bau aus dem 16. Jahrhundert beherbergt heute die Gaststätte "Markt-Wirtschaft" Brüderstraße, Ecke Kleine Steinstraße. Das Haus hat einen steilen Giebel mit vorstehenden Ober-Geschossen. Mit seinem Zier-Fachwerk erinnert es uns an das Graseweg-Haus oder an das Gebäude der Gaststätte "Alt-Halle". Sein linkes Nachbar-Haus in der Brüderstraße wurde 1565 von Bau-Meister Nickel Hoffmann errichtet. Diese Gebäude bilden eine der eindrucks-vollsten historischen Häuser-Zeilen der Altstadt von Halle.

Die Einfahrt auf der RückseiteIn direkter Umgebung dieser 3 Bau-Denkmale wurde die hässlichste Seite unseres Klotzes errichtet, die rück-wärtige Einfahrt. Nach vielen Jahren hat sich das Bild nicht geändert. So schlimm kann Bauen in denkmal-geschützter Umgebung aussehen. Wenn ich einem Besucher die Stadt zeige, schäme ich mich auch hier.

 

Zum Thema Klotzen siehe auch: Im Hinterhof der Ankerhof.

 

 

Info Name der Seite: HalleSaale.info / MarktHalle / MarktWirtschaft



©
Text: nach einem mit gur. gezeichneten Artikel in der Zeitung DIE WELT,
der vollständige Artikel unter:
http://www.welt.de/data/2004/03/09/248480.html

Abb.: nach einem Grundrissplan auf www.halle.de, siehe unter LiebLinks